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Minimalismus: Mehr Zeit, mehr Freiheit, mehr Leben

Autorenbild: Sarah Armborst
Sarah Armborst
16. Aug.
6 Min. Lesezeit

„Stell dir vor, du liegst am Ende deines Lebens im Bett, blickst zurück und fragst dich: ‚Wofür habe ich meine wertvolle, begrenzte Lebenszeit auf dieser Erde genutzt?‘

Was wirst du antworten? ‚Ich habe jedes Jahr zwei Wochen mehr im Büro gearbeitet, um mir Kaffee in Pappbechern zu kaufen.’ Oder: ‚Ich bin wochenlang in einem ungeliebten Job geblieben, nur um die Raten für ein Auto zu zahlen, das mich stresst und mit dem ich sowieso nur im Stau stehe.’

Klingt verdammt hart, oder? Aber genau das tun wir jeden einzelnen Tag. Wir denken, wir besitzen unsere Dinge. Aber in Wahrheit besitzen unsere Dinge uns. 

Ich zeige dir in dieser Folge, wie viel Lebenszeit dich dein Konsum wirklich kostet – und warum Minimalismus kein Verzicht ist, sondern der mutigste Weg, um dir deine eigene Freiheit zurückzuholen.


Was genau ist Minimalismus?


Die offizielle Definition lautet in etwa:

Minimalismus ist die bewusste Beschränkung auf das Wesentliche durch das Weglassen von Überflüssigem.


Aber was ist denn überflüssig und was ist wesentlich? 

Und wieso sollte ich mich freiwillig beschränken wollen?


Die Antwort ist simpel: Wenn du dich von materiellen Sachen trennst oder sie gar nicht erst in dein Leben lässt, dann schenkst du dir wertvolle Lebenszeit. Einerseits musst du dich ständig um deine Sachen kümmern – das ist die sogenannte „stille To-Do-Liste“ deines Besitzes, die ständig nach deiner Aufmerksamkeit schreit. Andererseits bezahlst du diese Sachen bereits mit deiner Lebenszeit, noch bevor sie überhaupt in deiner Wohnung stehen. Auf deiner Arbeit tauschst du deine begrenzte Zeit gegen Geld, um dir von diesem Geld Sachen zu kaufen.


Lass uns das an zwei ganz alltäglichen Beispielen durchrechnen, basierend auf einem durchschnittlichen Gehalt von 2400€ Netto im Monat bzw. 14,20 € Netto pro Stunde.


Beispiel 1: Der tägliche Kaffee to go

Wir denken oft: „Ach, die 4 Euro für den Kaffee tun mir nicht weh.“ Aber rechnen wir das mal in Lebenszeit um.

  • Der Kaffee: Ein Becher auf dem Weg zur Arbeit für 4,00 €.

  • Die Gewohnheit: Du kaufst ihn an jedem Arbeitstag (ca. 220 Tage im Jahr).

  • Die jährlichen Kosten: Bei 220 Arbeitstagen im Jahr gibst du 880 € nur für Kaffee zum Mitnehmen aus.

  • Die nötige Arbeitszeit: Um diese 880 € netto zu verdienen, musst du bei 14,20€ Stundenlohn fast 62 Stunden arbeiten. Das sind 8 Arbeitstage bei einer 39 Stunden Woche.


Rechnest du dir das mal hoch, gehst du jedes Jahr fast zwei komplette Arbeitswochen lang nur dafür arbeiten, um deinen Kaffee auf dem Weg zur Arbeit zu bezahlen. Du tauschst deine kostbare Lebenszeit im Büro gegen ein Getränk, das nach 15 Minuten ausgetrunken ist. Das ist der Moment, in dem der Konsum uns unbemerkt unsere Freiheit raubt.


Beispiel 2: Das neue Smartphone

Schauen wir uns eine größere Anschaffung an:

  • Das Objekt: Ein neues Smartphone für 1.500 €.

  • Reine Arbeitszeit: Bei einem Stundenlohn von 14,20 € musst du dafür knapp 106 Stunden arbeiten. Das sind 2,7 komplett durchgearbeitete Arbeitswochen.

  • Zum Vergleich: Wer zum Mindestlohn arbeitet (ca. 10,80 € netto pro Stunde), arbeitet für dasselbe Smartphone sogar fast 139 Stunden  – das sind knapp 3,5  komplette Arbeitswochen Lebenszeit.


Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn wir unseren Konsum reduzieren, dann beschränken wir uns in Wahrheit überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Wir schenken uns selbst mehr Freiheit und holen uns unsere eigene Lebenszeit zurück.


Wer bestimmt, was wichtig ist?

Wenn Konsum so viel Lebenszeit frisst, wie entscheiden wir dann, was bleiben darf und was wir konsumieren? Diese Frage kann genau nur ein Mensch beantworten: Nämlich du. Und deine Antwort gilt auch nur für dich ganz alleine. Was überflüssig oder wesentlich ist, ist für jeden Menschen so individuell wie die eigene Persönlichkeit.


Das Wesentliche ist alles, was einen konkreten Nutzen erfüllt oder echte Freude schenkt.

Wenn du gerne kochst und gerne Freunde zum Essen einlädst, dann benötigst du eine gut ausgestattete Küche mit entsprechend viel Geschirr und Kochutensilien.


Ein kleines Beispiel: Du lädst fünf Freunde zum gemeinsamen Kochen ein. Ihr habt euch für ein Rezept entschieden, wart einkaufen und fangt an zu kochen. Wenn du jetzt nur ein einziges Brettchen, ein Messer, einen Topf und einen Teller besitzt, dann werden deine Freunde vermutlich nie wieder zum gemeinsamen Kochen erscheinen. Sie haben schlicht kein „Werkzeug“, mit dem sie helfen könnten, und später müsstet ihr euch alle einen Teller teilen.


Also: Wenn du regelmäßig deine fünf Freunde einlädst, dann benötigst du auch

entsprechend viele Utensilien und Geschirr. Das heißt, du kannst Minimalist sein, wenn du nur einen Teller besitzt. Du kannst aber ganz genauso Minimalist sein, wenn du 10 oder 20 Teller besitzt – einfach, weil du sie wirklich brauchst und das gemeinsame Kochen dir echte Freude bringt.


Nicht damit gemeint ist dagegen das 100-teilige Frühstücksset für 12 Personen im Schrank, das du nur für den Fall aufhebst, dass sich deine gesamte Verwandtschaft plötzlich dazu entschließt, unangemeldet bei dir zum Frühstück aufzutauchen – und zufälligerweise an dem Tag alle Bäckereien und Cafés in der ganzen Stadt geschlossen haben.


Fazit

  • Die 20 Teller für Freunde: Diese Gegenstände sind aktiv im Einsatz. Sie stiften Nutzen, schaffen Gemeinschaft und bringen dir Freude. Sie unterstützen deinen Lebensstil. Ein Minimalist, der leidenschaftlich gerne Gastgeber ist, darf und sollte genau diese Ausstattung besitzen.

  • Das 100-teilige „Für-alle-Fälle“-Set: Diese Gegenstände lagern passiv im Schrank. Sie blockieren Platz, verstauben und müssen irgendwann abgewaschen werden und erzeugen mentale Last. Das ist der Ballast, den Minimalismus abbauen möchte.


Das Überflüssige und der goldene Käfig

Das Überflüssige ist all das, was ungenutzt herumsteht, dich stresst oder nur aus Gewohnheit, Statusgründen oder Schuldgefühlen behalten wird.


Stell dir vor, du arbeitest in einem Job, der dir eigentlich nicht gefällt und dich unglücklich macht. Aber du bleibst dort, weil du gut verdienst. Außerdem werden dein Job und dein hohes Einkommen in der Gesellschaft angesehen. Um diesem gesellschaftlichen Status gerecht zu werden, kaufst du dir ein neues Auto. Das Auto ist größer, schneller und vor allem teurer. Denn man soll deinen Erfolg schließlich auch sehen und du wolltest dir mal etwas gönnen.


Vielleicht läuft dieser Gedankengang ganz unbewusst ab, weil wir so aufgewachsen sind. „Die Erfolgreichen fahren teure Autos, weil sie es sich leisten können“ – das ist eine Schlussfolgerung, die sich tief in uns eingeprägt hat. Erfolg und Leistung bringen Anerkennung. In unserer Leistungsgesellschaft sind wir oft darauf gepolt, dass man nur Anerkennung bekommt, wenn man viel leistet und viel vorzuzeigen hat.


„Haste was, biste was.“


Ein Spruch, den die meisten wohl kennen und der genau ausdrückt, wie wir über unseren Besitz beurteilt (oder verurteilt) werden.


Die „Golden Cages“

Mit dem neuen Auto kommen übrigens auch höhere monatliche Kosten auf dich zu: Versicherung, Raten, Zinsen, Benzin und Reparaturen. Und jetzt stell dir einmal vor, dass du das Auto noch nicht mal besonders leiden kannst, weil du damit sowieso nur zur Arbeit fährst und stundenlang im Stau stehst.


Selbst wenn du den Job wechseln möchtest: Wie solltest du dann die monatlichen Kosten für das Auto tragen? Also arbeitest du weiter in einem Job, der dich nicht glücklich macht – für Gegenstände, die dich stressen und dir deine Freiheit rauben. Und um das überhaupt auszuhalten, tröstest du dich mit weiteren Dingen: teure Elektronik, das neueste Handy, Markenkleidung, eine teure Wohnung mit noch teurerer Einrichtung und einmal im Jahr für zwei bis drei Wochen einen Luxusurlaub. Die einzige Zeit im Jahr, in der du das Leben wirklich lebst.


Quatsch, denkst du? Genau so beginnt die Geschichte von „The Minimalists“ – Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus. Sie gehören heute zu den bekanntesten Minimalisten weltweit. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, stößt unweigerlich auf die beiden. Beide waren früher Manager, Topverdiener und hatten allerlei teuren Besitz. Nur eines hatten sie nicht: Glück. Durch den Minimalismus haben die beiden ihre Lebensqualität drastisch erhöht und sind glückliche Menschen geworden. Ich kann dir ihr Buch „Love People, Use Things – (weil das Gegenteil nicht funktioniert)“ wirklich ans Herz legen, wenn du dich weiter mit dem Thema beschäftigen möchtest.


Versteh mich nicht falsch: Etwas ganz anderes ist es zum Beispiel, wenn du für deine Arbeit und deinen Alltag zwingend ein Auto benötigst. Oder wenn du einen Oldtimer besitzt und es dein absolutes Hobby ist, an diesem zu schrauben. In dem Fall benötigst du auch viel mehr Werkzeug und vielleicht sogar einige Ersatzteile auf Lager, weil diese gar nicht mehr produziert werden. Nur mit einem Schraubendreher und einem Hammer kommst du dann nicht weit.


Fazit

  • Das Auto als Statussymbol: Diese Gegenstände stehen passiv vor der Tür oder binden dich an einen ungeliebten Job. Sie blockieren deine finanzielle Freiheit, verursachen monatliche Fixkosten und erzeugen mentale Last durch Stau und Sorgen. Das ist der Ballast des „Golden Cages“, den Minimalismus abbauen möchte.

  • Das Auto als Nutzgegenstand oder Hobby: Diese Gegenstände sind aktiv im Alltag oder in deiner Freizeit im Einsatz. Sie stiften konkreten Nutzen für den Arbeitsweg oder bringen dir als Oldtimer-Hobby echte Freude und Gemeinschaft beim Schrauben – inklusive der dafür nötigen Werkzeuge. Sie unterstützen deinen selbstbestimmten Lebensstil.


Dein Weg zu mehr Freiraum

Minimalismus bedeutet nicht, weniger zu besitzen, um weniger zu haben. Es bedeutet, weniger zu besitzen, um mehr Platz für das zu haben, was wirklich zählt: Zeit, Freiheit, Kreativität, Gesundheit und echte Beziehungen.

Wenn du heute nach dieser Folge oder diesem Artikel durch deine Wohnung gehst, dann schau dich einfach mal ganz bewusst um. Du musst dir nicht direkt den gesamten vollgestellten Keller vornehmen. Such dir für den Anfang eine einzige, kleine Schublade aus. Nimm jeden Gegenstand in die Hand und stelle dir die magische Frage:


„Erfüllt dieses Teil einen konkreten Nutzen in meinem Leben oder schenkt es mir echte Freude?“


Wenn die Antwort „Nein“ lautet, dann darf der Gegenstand gehen – und mit ihm ein Stück unbemerktes Gewicht auf deinen Schultern und auf deiner stillen To-Do-Liste. Du gewinnst damit kein leeres Zimmer, sondern ein Stück deiner eigenen Lebenszeit zurück.


 
 
 

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